Der kleine Fisch

 

 

 

Wir sollten ihr etwas schenken, sagte ich, als klar war, wann.

 Etwas das bleibt und das lächelnd zurück denken lässt.

 Du hast mich traurig angesehen, dann genickt und Dich auf die Suche gemacht.

 

Einige Tage bevor es so weit war, im Mai 2018, sagtest Du, Du hättest das richtige gefunden und wir verabredeten uns für ein letztes Date bei Frau Reinarz. Am letzten Tag, den das Petit Poisson geöffnet hatte.

Als der Freitag gekommen war und ich, von einer beliebigen Literaturveranstaltung zurück gereist, aus dem Zug stieg und meinen Kopf wie gewohnt an Deine vertraute Schulter legte, sagtest Du leise, es sei geschlossene Gesellschaft an dem Ort, den Du die letzten 20 Jahre so geliebt hattest. An dessen Fenster Du Dir als mittelloser Zivildienstleistender die Nase platt gedrückt hattest.

Ich versuchte Dich zu trösten; ist schon gut, sagtest Du und dass Du Dich freuen würdest, dass ihr wohl jemand anderes einen großen Abschied bereitet hatte.

 

Am nächsten Vormittag, es war ein sonniger 26. Mai, fuhren wir noch einmal in die Wilhelmstraße, unser Mitbringsel im Gepäck.

Nachdem wir angeklopft und kurz den Atem angehalten hatten, wurde würdevoll die Klinke gedrückt und ein freundliches wie auch erschöpftes Gesicht erschien hinter der nun geöffneten Tür, erkannte uns und erhellte sich noch ein wenig mehr.

 Frau Reinarz, eine zarte Frau mitte sechzig mit markanter Kurzhaarfrisur, rief aus:

 Ach Sie sind es, kommen Sie doch herein“ und bot uns einen Platz an, genau den,

an dem wir saßen, als Du mich zum ersten mal hierhin mitnahmst.

Und wir wussten, dies würde der letzte Besuch an dem Ort sein, an dem man in Bonn der Seele von Paris so nah war.

 

Sie alle haben hier gegessen, die großen Herren der Republik. Genscher war hier, Loriot und Biolek. Für 40 Jahre war das Petit Poisson die erste Adresse für Unternehmer, Politiker, Feingeister und Feinschmecker in Bonn. Stets waren raffinierte Fischgerichte die Spezialität des Hauses, nie wich Ludwig Reinarz, der Koch und ehemalige Ehemann der Wirtin, von seiner traditionellen Zubereitungsart der Speisen ab.

 

Frau Reinarz hielt nichts von Standesdünkel. Sie schmiss raus, wer zu laut war, ermahnte den, der unangenehm wurde. Ungeachtet des Geldbeutels erteilte sie Hausverbote.

Die Küche verlor ihren Stern, nachdem sie den Michelin-Tester erkannte und als Gast in harscher Manier abwies.

 

Dich, den jungen Zivi, der sich einen Besuch in ihrem Restaurant ganz offensichtlich nicht leisten konnte, behandelte sie mit ausgesuchter Freundlichkeit und servierte alles, was Du bestelltest, ohne mit der Wimper zu zucken.

Du musstest am nächsten Tag Kartoffeln klauen, kamst erst später zu Geld und warst fortan Stammgast, 20 Jahre lang, bis zuletzt.

 

Im letzten halben Jahr hatte Frau Reinarz angefangen, Dir das, was wir nicht essen konnten und einpacken ließen, auf Geschirr des Hauses mitzugeben, eine letzte Erinnerung. Nun stellte sie uns zwei Gläser ihres Aperitifs vor die Nase und setzte sich zu uns. Sie sah älter aus als sonst, älter als im Kerzenschein der Abende, doch nicht minder gütig und lebensbejahend.

Ich litt als Kind unter Inkonsequenz“ sagte sie, nostalgisch lächelnd und begann freimütig, uns zu erzählen. Die Geschichten spiegelten sich an den mit Hingabe gestalteten Wänden. Sie erzählte von Ausbildung und Liebe, der großen Traurigkeit und seltsamen Gästen, die Freunde wurden.

 Sie erzählte von einem Leben, das nicht trotz, sondern durch eine Beständigkeit und ein unaufgeregtes Erledigen der Dinge, einen ganz einzigartigen Klang erhält.

Und das vor allen Dingen ein gutes Resümee zulässt.

 

Nach etwa einer Stunde an Frau Reinarz Tisch, von einigen Telefonanrufen durchbrochen, die sie immer schnell mit den Worten „ich bin gerade in einer Konferenz“ abwimmelte, um sich unserem Besuch zu widmen, mussten wir los.

 Du gabst ihr das Geschenk, sie schmunzelte und sagte nicht danke, sie sagte: „Das passt aber gut.“

 Wir fragten sie noch, ob die geschlossene Gesellschaft am Vorabend eine kleine Abschiedsparty gewesen wäre. Sie lachte nur und verneinte, es war ein siebzigster Geburtstag, man hatte bis fünf Uhr morgens den Gastgeber zelebriert.

 Wir schluckten.

Ob ich eine der von ihr handgeschriebenen Speisekarten mitnehmen dürfe, fragte ich. "Kleine Dinge erledigt man sofort", sagte sie, milde lächelnd und gab mir eine. Dann mussten wir uns hektisch verabschieden. Du brachtest mich zum Bahnhof, ich nahm den Zug hin zu einer beliebigen Literaturveranstaltung.

 

 Die gesamte Einrichtung des Petit Poisson wurde in den folgenden Wochen versteigert, in Zahlen gepresst, in Hände gegeben, die die Erinnerungen aufbewahrten oder damit handelten.

Frau Reinarz ging still, ein rührender Artikel in der Kölnischen Rundschau, den ich nur zur Hälfte lese und einer im Generalanzeiger, der das Ganze „Innenstadt im Wandel“ nennt. Ein Schild an der Tür.

 

Frau Reinarz hielt nichts von Standesdünkel, nicht von dem der anderen und nicht von eigenem. Ihr Restaurant gab Zeugnis über ein Bonn, das vergangen ist und seinen Kindern kein Erbe ließ. Gab Zeugnis über einen anderen Ton, einen galanteren Stil und eine schmerzvolle Sehnsucht nach Ruhe, der ein Sturm voraus ging.

 

Man könnte sagen, dass die neue Zeit eine fortschrittlich-funktionelle Konformität der Metropolen mit sich bringt.

Man könnte auch sagen, so charakterlos wie sich schon heute Ruhrgebietsinnenstadt an Ruhrgebietsinnenstadt reiht und nicht zu unterscheiden ist, so seelenlos wird Bonn einmal zwischen Nord- und Südbrücke liegen.

 Dabei ist Herrn und Frau Reinarz der Ruhestand nicht zu missgönnen, so wie er dem Blumen-Max in Endenich nicht zu missgönnen sein wird.

 Wie Peter Heusgen vom „Haus der Blumen“ keinen Nachfolger fand, so wird viel Tradition in Bonn kaputt gehen, schlicht, weil niemand sie weiterführt.

  

Neulich fand ich, ungeöffnet, ein Glas Marmelade in meinem Schrank. Eingekocht von Ludwig Reinarz, „Ananas-Ingwer-Safran-Konfitüre“ stand in Hanni Reinarz filligraner Schrift auf dem Etikett. Ein Geschenk an die Gäste zur Weihnachtszeit 2017. Ich rief noch einmal den Artikel in der Kölnischen Rundschau auf und las diesmal bis zum Ende. Beim letzten Absatz stockte ich.

 

 Und Hanni Reinartz? Die hat wie immer auf alles ein wachsames Auge, und hat dann trotzdem noch Zeit, aus einer Ecke ein Bild hervorzuholen. Der Pantomime Marcel Marceau (1923-2007) hat es gemalt, es zeigt ihn in seiner berühmtesten Rolle als „Monsieur Bip“, und ein Gast hat es ihr zum Abschied geschenkt. „Da schließt sich der Kreis“, sagt sie: Als 13-Jährige machte sie eine Lehre im Hotel auf der Godesburg, und Marceau war dort ihr Frühstücksgast. Jetzt wird sie die Kohle-Zeichnung mit nach Hause nehmen.

 

Wir sollten ihr etwas schenken, was bleibt, hatte ich gesagt und Du hattest das richtige gefunden. Du hast gefunden, was sie mit nach Hause nahm.

 

Wir Schriftsteller sind nicht die, die entscheiden können. Nicht über das Schicksal des Metropols, nicht über die Gewerbetreibenden im neuen Maximilan-Center. Wir können lediglich als leise Chronisten bewahren, was war. Wer will, erinnert sich.

Ich werde Frau Reinarz anrufen und sie zum Wein einladen . Ich werde ihr Fragen stellen und aus diesem kleinen Bericht versuchen zu machen, was würdig ist für jemanden, der 40 Jahre einen der schönsten Züge im Bonner Stadtgesicht mit seinem Schweiß bewahrte.

 

Wer will, erinnert sich.

Wer will, kauft in inhabergeführten Läden und schmeißt Konsumtempelbesuche aus seinem Alltag wie Frau Reinarz unangenehme Gäste aus Ihrem Etablissement.

Wer will, geht nicht zur Telekom, nicht zum Deutschen Herold, nicht den Weg der größten Sicherheit, des besten Rentenbescheids.

Wer will, der kümmert sich um diese Stadt und macht sie reicher.

Rainer Pause ist so jemand, Bärbel Richter lebte so.

Alfred Böttger steht dafür in seinem Buchladen und kauft von den Grossisten die als Ladenhüter eingeschätzte Belletristik.

Sie alle machten und machen Bonn zu einem Ort, der lebt. Trotz allem noch lebt.

Wir Chronisten stehen daneben und sehen, wie das Leben verrinnt und hoffen, dass beizeiten

einer die Sanduhr umdreht.