Der Mann an der Bar

 

Der Mann an der Bar, der schon schwankt, vielleicht stinkt

Der sein Kölsch fixiert und im Stehen austrinkt

Nach draußen geht, raucht, danach wieder reingeht

Die Hand zur Bestellung eines weiteren Biers hebt.

Wieder und wieder, es scheint fast rituell

Stehen, trinken, raus gehen, rauchen, alles schnell,

alles gewohnt

 

Er wird hier geduldet und ist doch fehl am Platz

Im dem Szenelokal einer mittleren Kleinstadt

In der es zwar Menschen wie ihn gibt, aber doch nicht hier

Zwischen Linsen-Ingwersuppe und Kristallweizenbier

Nicht hier erwartet man geschundene Seelen der Nacht

Ausstaffiert mit Viertagebart und alkoholbedingtem Bauchansatz.

Oder auch seltsam mager.

 

In der schmutzigen Eckkneipe drei Gassen weiter

Stehen sie wie er, es ist die selbe Leier.

Es sind die selben Geschichten von unglücklichen Ehen

Von verstorbenen Kindern, von Lebenswegen

Die nicht genommen wurden.

Von verkappten Schwulen,

Von verlorenem Glauben,

Unerreichbaren Frauen.

 

Dort sind sie zu Hause, die sonst keinen haben.

Der Wirt so nah wie ein Lebenspartner.

Man kennt diese Gesichter, man kennt diese Gestalten,

Man erahnt Einsamkeit für unendliche Zeiten.

 

Der Mann an der Bar erkennt die Ordnung nicht,

Die gescheitert von erfolgreich trennt, das Dunkle vom Licht

Steht dort wie eine Mahnung, pass auf, wohin du fällst

Stehen, trinken, raus gehen, rauchen, alles schnell,

alles gewohnt.

 

Er ist nicht alt und müde, er ist stumm und schwach

Von der Hand in den Mund, mit der Taube aufs Dach

Nur, wenn er lebt, wie er aussieht, was tut er dann hier?

Zwischen Fair-Trade-Konsumenten und Kristallweizenbier?

 

Warum geht er nicht dorthin, wo es jeder versteht,

ohne zu fragen, was es ist, das ihn quält?

Warum stellt er sich hier den wertenden Blicken

Von unwissenden Maracujaschorle-Trinkern?

 

Hinter schmutziger Kleidung und verklebten Haaren

Steckt das bittere Leiden endlos leerer Jahre

Und er steht dort und sucht mit flirrenden Augen

Nach einem kleinen Zeichen, einem Anlass zu Glauben.

Und er greift nach dem Arm des nächsten, der vorbeigeht,

In seinen Augen die Frage, die jetzt durch den Raum weht.

Gibt es Rettung? Und der Fremde sagt nein

In dem er sich loslöst, man hört ein „tut mir leid.“

 

Der Mann an der Bar hat etwas gesagt.

Ein Mensch mit Stimme, dünn, aber da.

Er gehört nicht hierher und weiß das auch.

Sieht sich um und erträgt diesen Pflasterstein im Bauch.

Den nur Menschen kennen, die mal verkehrt waren.

Falscher Ort, falsche Zeit, falsches Gebaren.

Falsche Existenz.

 

Der Mann an der Bar holt sein Geld raus und zahlt

Stehen, trinken, raus gehen, rauchen, alles schnell

Der langsame Abgang in seine eigene Welt.

Und dann ist es wieder, als war er nie da.