Einmal täglich Mauerlaufen

 

Als ich Dich zum letzten mal aus dem Kindergarten holte,

wir die Straßenbahn sahen und Du dich freutest,

weil es die mit der Spee-Werbung,

in Deiner Welt

Die mit dem Fuchs“ war,

da sah ich Deinen Mund an und der sagte: „Heb' mich runter bitte“,

weil Du standest schon wieder auf dem Holzpoller und

Ich nahm Dich in den Arm und setzte Dich sacht auf der Erde ab.

Du grinstest, nahmst mich an die Hand und zogst mich

durch den blassen Sommertag

Ins Innere des metallenen Schienenwagens,

in dem die Gesichter der Menschen nach Winter aussahen.

Deines nicht.

 

Du bist Juna, warst noch für sechs Monate fünf Jahre alt an diesem Tag

Und ich sah Dich an und sah, wie groß Du doch geworden warst.

Und ich sah auf Deinen Mund , der „Lass uns Quatsch machen“ sagte,

Der schon „meine Ella, blöde Ella, liebe Ella, doofe Ella“ und Ich mag Dich“

Ausgesprochen hat, so viele Male.

Und der mich jetzt, während Dein Kopf an meiner Schulter lag fragte:

 

Können wir heute Mauerlaufen?“

 

Und ich sagte klar und sagte, das man eh viel öfter Mauer laufen sollte.

Und Du sagtest: „Ja, einmal am Tag“

Und wir wurden uns einig, dass es Ärzte geben sollte, die

Einmal täglich Mauerlaufen“ verschreiben,

Weil das die Laune massiv besser macht.

 

Und ich sah Dich an und sah, wie groß Du doch geworden warst.

Und mir wurde klar, Du wirst noch größer.

Und auf einmal dachte ich, man wird Dir schlimme Dinge sagen.

Man wird Dir Dinge sagen wie:

 

Bleib so, wie Du bist.

 

Obwohl Du wachsen wirst. So, innerlich.

Juna, ich wünsche Dir einmal mehr zu sein als eine Karikatur.

Du hast einmal gesagt, Du wärst gern schon so groß wie ich.

Ich habe Dir gesagt, damit kannst Du ruhig noch warten.

Es war nicht die richtige Zeit, ein Teenager zu sein, als ich es war.

 

Man brennt nicht mehr, man raucht nur noch“, hat Sven Hensel einst gesagt.

Aber auch das ist vorbei. Es tut mir Leid, Juna, aber die Jugend ist rauchfrei.

Sie stinkt nicht mehr.

Nicht nach Zigaretten, nicht nach Bier.

Menschen wie Sven und mir tut das weh, aber nicht einmal

Nach wachen Nächten in Großstädten, nach ihrem Staub, nach

Ihren dunklen Ecken und dem heimlichen Fummeln subkultureller Weltentdecker.

 

Es gibt sie nicht mehr, oder nur noch als groteske Ausstellungsstücke,

zwei pro Oberstufe, maximal.

Die Punks, Skins, Hiphopper und Hippies,

die Gothics, die Popper, die Ökos, die unverbesserlichen Weltverbesserer.

 

Die Jugend von heute riecht nach Shampoo.

Sie ist sauber geworden. Ein stiller Teich aus glatter Tugend. Sie ist

gut in der Schule. Sie schreibt ihr Einserabitur in H&M-Designerjeans

aus aktueller Saison. Sie hört Deutschpop.

 

Sie sagt:

Also, ich denk halt so, ich will schon auch Sicherheit in meinem Leben haben.“

 

Die Jugend von heute ist nicht mehr jugendlich.

Sie zelebriert nicht mehr den Leichtsinn, sie verbietet ihn sich.

Sie macht es sich gemütlich in einer schrägen Kulisse

Aus Sinnsprüchen

Und freudlosem Massenkonsum.

Die Renissance des Spießertums,

Ein kleines, tödliches Biedermeierparadies

Sie schämt sich nicht zu sagen, dass sie CDU wählt.

Unter Kohl geboren, mit Merkel groß geworden. Sie sieht da kein Problem.

 

Juna, ich hoffe, dass es Dir einmal anders geht.

Ich hoffe für Dich, dass Du eine andere Generation erlebst.

Eine, die nicht bleiben möchte, wie sie ist.

Eine, die sich wehrt.

Die sich nicht zufrieden gibt.

Nicht mit 16, verdammt nochmal.

 

Du bist Juna, warst noch für sechs Monate fünf Jahre alt an diesem Tag

Und ich sah Dich an und sah, wie groß Du doch geworden warst.

Und mir wurde klar, Du wirst noch größer.

Und hoffentlich wirst Du wachsen.

Und Dein wachsen wird weh tun.

Aber ich wünsche Dir ganz viel Wut, um das gut zu überstehen.

 

Ich wünsche Dir, das Du eine andere Generation erlebst als ich.

Und ich wünsche Dir, dass Du auf ein Kind aufpasst, das so cool ist, wie Du bist.

Und dass es Dich daran erinnert, was wirklich wichtig ist.

Zum Beispiel Mauerlaufen.

Oder eine Lieblingsstraßenbahn haben.

Oder sich an an eine Schulter anlehnen...

 

Oder...