Fourmies

Auch das ist Europa, sagst Du, als wir spät am Abend durch die nordfranzösische Kleinstadt gehen, als seltenes Phänomen. Es wird nicht viel Tourismus geben, nicht hier, wo leer stehende Häuser aneinander gelehnt vom einstigen Glanz dessen träumen, was sie nun umgibt.

Wir haben es tatsächlich geschafft, das Ende der Welt zu finden.

 

Das hübsche kleine Schlösschen von vor zwei Jahren mitten in der Pampa war ausgebucht gewesen, Du wolltest trotzdem Frankreich, des Essens wegen und ob der Romantik. Sowieso, die Grenze liegt nicht weit entfernt vom belgischen Kongressort, an dem wir das Wochenende verbringen werden und stets ist Dein Anspruch an eine Geschäftsreise wie der an Dein Leben: Es hat ein Abenteuer zu sein.

 

Fourmies, das klingt französisch und ist doch weit entfernt von der Pariser Société, wie man sie sich vorstellt oder als deutscher Städter auf Urlaub im Nachbarland erahnt. Über holprige Landstraßen kommen wir hier an, hier, wo es keinen rechten Ortseingang zu geben scheint, keinen Anfang, sondern ein leises Hallo mit kraftlosem Händedruck. Wir hätten uns gut in Ostfriesland befinden können, hier eine verwaiste Aldifiliale, dort ein Stakehaus mit Landrovern davor und mit prä- und lang nicht mehr präadipösen Insassen, die sich ihren Bluthochdruck anfressen.

Ich schaue zweifelnd zu Dir, Du schaust zweifelnd auf die Straße und folgst dem Navi, das auf meinem Telefon die Richtung anquäkt.

Gerade als die Gebäude älter werden, die Atmosphäre sympathischer, kommen wir an der Einfahrt unseres Hotels an.

 

Und siehe da, auch diesmal ist es ein kleines Château, nicht so verwunschen wie das von letztem Jahr, aber gepflegt inmitten eines kleinen Parks. Es passt nicht ganz hierher und uns ist das recht.

Wir beziehen die Zimmer, die wirklich schön sind und verfallen zurück in alte Tatkraft. Als der Abend anbricht, erkunden wir die Stadt auf dem Weg zum Restaurant, das Du für uns ausgesucht hast.

Schon nach wenigen Metern in Richtung Zentrum beginnt die Stadt sich zu verdichten. Aus dem hässlichen Niemandsland wird ein verfallener Ort. Es muss hier einmal sehr schön gewesen sein, denke ich. Die Häuserfassaden können trotz ihrer Brüchigkeit nicht die ehemalig kunstfertig angebrachten Verzierungen verleugnen, den vernagelten Fenstern sieht man immer noch an, dass sie einmal viel Licht in die Altbauten warfen. Etwa jede zweite Bruchbude scheint noch bewohnt, ein freistehendes Haus mit wildem Garten, umzäunt von Messing, ist es ganz sicher.

Denn mehr als ein Dutzend Katzen räkelt sich auf den Stufen in der letzten Sonne, schleicht durch das Dickicht oder kuschelt sich in den leeren Tontöpfen zusammen. Sie sind sichtlich ungepflegt, ganz sicher unkastriert und ungeimpft und haben wahrscheinlich eine Lebenserwartung von nicht mehr als drei Jahren. Ein Junges von weniger als sechs Monaten schaut uns mit nur einem verbliebenen Auge an, wo sich das andere befinden müsste, hat es eine verkrustete Wölbung nach innen.

Wilde Katzen, die sich frei vermehren, sind ein eindeutiges Anzeichen von Armut und struktureller Verwahrlosung. Wir schauen uns an und fragen uns, was hier wohl passiert sein muss, das diesen Ort so dermaßen ruiniert hat.

 

Später, wieder in der Heimat angekommen, würde ich „Fourmies“ in die Suchleiste eingeben und bei Wikipedia folgendes lesen:

Im Ersten Weltkrieg besetzten die Deutschen Fourmies und zerstörten die ansässige Industrie. Dies führte nach dem Weltkrieg zusammen mit dem Rückgang der Bedeutung der klassischen Industriezweige zu einem wirtschaftlichen Abstieg der Gemeinde“

Und ich würde mich nicht darüber, aber nach kurzem Überlegen um so mehr über das wundern, was uns dort noch begegnete.

 

Nach etwa 10 Minuten Fußweg erreichen wir die Haupteinkaufsstraße der Stadt.

Die Bürgersteige sind hochgeklappt, um 20:30 Uhr geht hier nichts mehr. Ein Tedi reiht sich an einen Zeemann, reiht sich an eine Apotheke. Ich zähle den dritten Kondomautomaten auf einem Kilometer.

Und inmitten der Straße, neben einem leer stehenden Supermarkt, ein Pub mit großer Bierauswahl, der um 7 Uhr öffnet und um 20 Uhr dicht macht. Wir wundern uns nicht. Wer hier wohnt, mutmaßen wir, kann nicht viel anderes tun als saufen und poppen.

Wäre vielleicht ein Grund, hier hin zu ziehen, schmunzelst Du.

Nach der Shopping- kommt die Partymeile der Stadt, bestehend aus zwei Bars, beide geöffnet und ziemlich leer. Ihnen gegenüber türmt sich der erste und vermutlich einzige Prachtbau des ganzen Ortes auf, das Stadttheater. Es ist völlig deplatziert.

 

Komm“, sagst Du, „das Restaurant müsste um die Ecke sein und ich habe für 21 Uhr reserviert, wir schauen und noch die Ausgeh-Optionen für später an.“

Die rechte Bar sagt uns von außen eher zu , wir treten hinein und finden uns in den 80er Jahren wieder. Ein Erdnussautomat, ein elektronischer Flipper, Spiegel an allen möglichen Wänden und eine misstrauisch guckende Wirtin hinter dem Tresen. Drei traurige Gestalten ihr gegenüber, die Bier trinken. Wir setzen uns ebenfalls an die Bar und Du bestellst auf Englisch den besten Wein des Hauses. Sie versteht Dich nicht. Mit Händen und Füßen und ein bisschen Schulfranzösisch machen wir dann doch noch klar, was unser Begehr ist und die Wirtin hält Dir zwei Flaschen Wein aus dem Elsass unter die Nase. Du wählst, er schmeckt okay. An der Wand lesen wir ein Schild, auf dem „Champagner“ und eine überraschend kleine Zahl steht.

Du fragst, ob sie tatsächlich Champagner ausschenken und einer der bisher schweigsamen Männer sagt in brüchigem Englisch: „Heute nicht, aber morgen Abend ist Karaoke, da dann schon.“ Deine Augen leuchten. „Wir werden da sein.“, sagst Du zu mir, dann zahlst Du und wir gehen.

 

Das Restaurant befindet sich unmittelbar neben dem kleinen Bahnhofsgebäude und ist doch tatsächlich in dem ersten Neubau untergebracht, den wir hier sehen. Wir treten durch die schwere Glastür und werden nach oben geführt. Es wird ein Abend voll Alkohol, voll guter Gespräche und eine Nacht mit viel Leidenschaft.

Egal, wie seltsam die Stadt, darauf können wir uns verlassen.

 

Am nächsten Tag stehen wir zeitig auf, um das Hotelfrühstück zu testen. Danach fahren wir los, es wird ein langer Kongresstag.

Am frühen Abend sitzen wir hungrig im gleichen Restaurant wie letzte Nacht, reden, trinken und essen und machen uns danach auf, denn für heute Abend gibt es ja einen Plan.

 

Die Straßen sind in ein schwaches, orangefarbenes Straßenlaternenlicht getaucht, nur das Theater gegenüber unserer Kneipe ist in hell und bunt beleuchtet und stellt auch in der Nacht die Absurdität seiner Existenz zur Schau.

Wir kehren wieder in die uns bekannte Bar ein, wie versprochen ist Karaoke heute Abend und tatsächlich, es ist voll. Eine schräge Mischung aus jungen Leuten im Oberstufenalter und mittelalten bis alten Menschen, die sich an Tresen und Tischen zusammendrängen. Vereinzelnde, die sparsam Tanzen.

Wir erwarten beide nicht viel von dieser Party.

Aber umso mehr wir es schaffen, uns auf die Atmosphäre einzulassen, umso lockerer werden wir und um so lockerer wir werden, um so mehr gehören wir hier hin.

 

Wie versprochen gibt es heute den Champagner. Die Flasche zu dem selben Preis, wie das Glas in Paris kosten würde. Du gibst freimütig in leere Gläser um uns rum werden aus skeptischen Augen erst verwirrte, dann vergnügte.

Als ich betrunken genug bin, stürme ich die Tanzfläche und ziehe Dich mit. Ein Ruck geht durch die kleine Bar, als sie sehen, dass wir wie wahnsinnig durch den Raum fegen und manch anderer steht auf und bewegt sich.

Nur kurze Zeit später ist da kaum noch einer, der sitzt.

 

Es wird immer später, wird immer euphorischer. In schlechtem Englisch verkündete Liebeserklärungen von zwei Männern und vier Frauen erreichen mich beim kurzen Luftschnappen zwischen den Liedern.

Wenn wir uns im Getümmel kurz sehen oder den ein oder anderen Tanz miteinander verbringen, rufen wir uns durch die Bässe die neusten Wunder zu, die wir hier erleben.

 

Sie verstehen uns nicht, denn sie sprechen kein Englisch, Deutsch schon mal gar nicht, wir kein Französisch, aber alle Sprechen Musik. Es sind unsere Körper, die heute reden, sich drehen und zappelnd immer wieder umarmen.

Es gibt keine Namen, keine Nationalitäten, es ist völlig egal, dass wir uns nicht mehr sagen können, als „Hier, meine Hand, nimm sie und Tanz, sie gehört Dir. Hier, mein Glas, es ist Wein darin.“

 

Und die Wirtin des Hauses erhebt sich vom Platz hinter dem Tresen, geht ans Mikrofon und singt mit lächelnden Augen von Edith Piaf „Je ne regrette rien.“

Im Raum ist es still, weil sie wieder jung ist, auf einmal.

Und ich schäme mich ein bisschen für das Hinterwäldler-Vorurteil in meinem Hinterkopf vorhin, ich schäme mich ein bisschen für das: Hier würde ich nicht hängen bleiben...

Ich verstehe auf einmal, dass das hier Heimat sein kann und das führen einer Kneipe eine Lebensaufgabe, die sagt: Bitte, setze Dich, hier, ein Zuhause für einen Abend.

Der Applaus brandet auf, als sie fertig ist. Auch Du klatscht und verfällst direkt zurück in dieses durchlässig tanzende Körpersein. Ich habe Dich selten so gelöst gesehen, ohne dass wir alleine sind.

 

Auch das ist Europa, sagst Du, als wir von Wein und Leben berauscht den Rückweg zum Hotel antreten. Unsere Herzen leicht von der Güte der Fremden, von der Kraft magischer Sommernächte und dem Ruf der Zeit nach Leben.

Auch das ist Europa und Du hast es auf den Punkt gebracht, denke ich.

Europa ist dort, wo dicht an dicht verschiedene Welten existieren.

Wo es sicherlich nicht nur Schönes gibt.

Aber überall auch Schönes.

Und vor allem:

- In den Köpfen und auf den Straßen -

Keinen Krieg.

 

Wir werden Sehnsucht haben nach Fourmies.

 

Und wir werden wiederkommen.