Jeder Mensch ist ein Glücksfall

 

 

 

Thomas passierte uns etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht in einer westfälischen Bahnhofsvorplatzgosse. Wir waren sommerglücklich, leicht angetrunken und auf der Durchreise, Thomas war Altpunk und langzeitobdachlos.

 

Er lud uns in die Pennerrunde ein, in dem er uns ein dahingerotztes: „He, ihr, kommt her“ zurief. Wir checkten kurz die Zeit und den Konsens in den Augen des anderen, dann schlurften wir rüber. Unsere halbwegs sauberen Wohlstandshände trafen auf zigarettenverrußte, magere Finger.

 

 

 

Kurze Vorstellungsrunde:

 

Wir – Sven und Ella, Bochum, Bonn, verdienen Brot mit Kunst.

 

Sie – Fünf Bahnhofsvorplatzgossenlangzeitobdachlose ohne Brot, dafür mit Bier und großen Reden.

 

 

 

Will noch wer was?“ fragte ich und ging mit überraschend kleiner Bestellung zum Bahnhofskiosk hinüber. Als ich zurück kam hatte sich die Zahl der Gossenpunks auf zwei verringert. Thomas und, wir vergaßen ihren Namen in dem Moment als sie ihn aussprach, waren übrig geblieben.

 

 

 

Dass unser Zug in 45 Minuten kommt, sagte ich.

 

Thomas, Du musst jetzt mal was Essen“, sagte die Frau zu Thomas und „der hat den ganzen Tag noch nix gegessen“ zu uns.

 

Ob ich ihm was holen solle.

 

Musstenich“, grinste Thomas mit angeschlagenem Gebiss.

 

Kannichaber“, antwortete ich mit zahnspangengestählten Zähnen.

 

 

 

Er wollte was von MCs, egal was, einfach was, ach was, den größten Dreck, den man kriegen kann. Ohne Zögern brach ich auf, ich, die den Laden mit dem knatschgelben M eklig findet, ich als manchmal Fisch-, sonst Vegetarierin kaufte also den größten Dreck und brachte ihn Thomas, der ungläubig schaut, weil er, wenn etwas erwartet, dann den 1-Euro-Burger, nicht den „teuren“.

 

 

 

Du bist ein Engel“, sagte er.

 

Das ist sie“, sagte Sven.

 

Danke“, hauchte die Frau ohne Namen und „Komm Thomas, Du musst essen.“

 

 

 

Thomas aß langsam und erzählte dabei, dass sein Körper sich auffrisst, wie er den ersten Bissen, wie das Leben die Zeit. Dass er immer schlechter Laufen kann.

 

Warum er nicht zum Arzt geht, fragten wir.

 

Ja, weil ich Angst hab!“ rief er und sprach von der kehlezuschnürenden Angst, bis der Burger halb kalt war. Sprach so laut, dass es die halbe Vorplatzgosse hörte, über die Scheißangst in seinem Kopf, die da sitzt und ihn auslacht, die in Kreisen rennt und schreit.

 

 

 

Thomas, Du musst essen“, unterbrach ihn die Frau.

 

Iss Du doch, Du hattest heute auch noch nix.“, war seine Replik und es folgt ein leises: „Nein, nein, der ist für Dich“.

 

Ihr Ton sagte, dass die Frau ohne Namen von sich hält, was sie besitzt. Ein dunkles Nichts.

 

Ich gab ihr fünf Euro, falls sie noch was Essen wolle, sie bedankte sich überschwänglich, als hätte ich sie vom Aussatz geheilt und meinte hastig:

 

Ich pass auf ihn auf. Ich geb' auf Thomas acht, versprochen.“

 

Wir schwiegen und nickten. Dann mussten wir los.

 

Kommt gut nach Hause“ sagten Thomas und die Frau, deren Namen wir vergaßen, während sie ihn sagte, weil sie mehr Schatten ist als Mensch.

 

Ihr auch.“ sagten wir nicht.

 

Und ich dachte mir, es mag ja sein: Jeder Mensch ist ein Glücksfall.

 

Aber wie viel Glück und wie viel Fall?

 

Und welcher Mensch kann unter welchen Umständen an welchem Ort wie glücklich sein?

 

Wir starten nicht gleich, dieses Leben gibt dem einen Brot und dem anderen Schweiß.

 

 

 

Wir bekamen unseren Anschlusszug und wir kamen gut nach Hause.

 

Und wir schliefen in Betten mit ziemlich sauberen Wohlstandshänden.

 

Und so vergaßen wir Thomas.....

 

 

 

 

So ein Unsinn, wir vergaßen ihn nicht!

 

Nicht seine Worte, nicht sein Gesicht.

 

Es bleibt im Gedächtnis und wiegt schwer wie Blei,

 

Richtig und Falsch werden zu Brei.

 

 

 

Ich möchte manchmal Armeen errichten, mit heißen Herzen statt kalter Waffen,

 

Sie mit Worten und Armen wie Felsen ausstatten und in alle Richtungen ausströmen lassen.

 

Um schattige Seelen, die stetig verzagen

 

Zu finden und ihnen ganz sachte zu sagen:

 

Wir starten nicht gleich, -dieses Leben gibt

 

Dem einen Brot und dem anderen Schweiß.

 

Doch was war, das lass ruhen, denn heute ist's nichtig.

 

Heute zählt eins: Das bist Du. Du bist wichtig.

 

 

 

DU BIST WICHTIG

 

 

 

Thomas ist sich nicht wichtig, der Krug geht zum Brunnen

 

Bis er bricht und die Scherben werden gefunden.

 

Thomas holt keine Hilfe, nimmt vom Kuchen kein Stück.

 

Und er wird daran sterben, mehr Fall als Glück.

 

 

 

Dabei gibt es doch Hilfe, ein sicheres Netz.

 

Nur, Thomas fällt durch, es spricht das Gesetz

 

Von Anträgen, Plänen und Paragraphen.

 

Das zu durchblicken wird Thomas nie schaffen.

 

 

 

Es gibt sie, die Helfer für Menschen mit Fall,

 

Es gibt heiße Herzen, die Wärme entfachen.

 

Und gäb's ein Gesetz, das Geld gäb' dafür,

 

Menschen wie Thomas zu ihnen zu schaffen;

 

Dann gäb's vielleicht öfter ein bisschen mehr Glück

 

Statt Gossenleben, der Krug blieb am Stück

 

Und Thomas wüsste, es ist schon ganz richtig,

 

Am Leben zu bleiben: Er wäre sich wichtig.