So helfen Sie sich selbst


1962, Als Dieter Korp und Gert Hack die erste Ausgabe von „Jetzt helfe ich mir selbst“ heraus brachten, dachten sie sicherlich nicht daran, einmal bei der 100. Sitzung der Gesundheitsselbsthilfe NRW Erwähnung zu finden. Nicht, weil sie ihrem Werk nicht eine gewisse Bedeutung zu maßen, das taten sie zurecht. Über 10 Millionen Bücher Gesamtauflage und Generationen zufriedener Leser sprechen schließlich für sich.

Wohl aber, weil „Jetzt helfe ich mir selbst“ eine Reihe von Fachbüchern zur Reparatur von PKWs und Motorrädern ist und somit eher dem gesunden Brummen eines VW-Käfer-Motors als dem seelischen Behangen seines Fahrers nützt.


Heute, wo meterweise Lebensratgeber die Regale geschäftstüchtiger Buchhandlungen füllen, schwimmt die Eindeutigkeit des Wortes „Selbsthilfe“ über die emotionalen Weltmeere des modernen Menschen. „So helfen Sie sich selbst! In Garten, Küche, Wohnzimmer, Erziehung, SM-Keller und Geografiestudium.“
Aber ob das dem ganzen näher kommt als Karosseriearbeiten, ich wusste es nicht.

Da war mal wieder mehr Meinung als Ahnung im Teich meiner vorurteilsbehafteten Halbtagsintellektuellen-Weltsicht.

 

Ich beschloss, mich auf eine Reise zu begeben.

Und wie jeder gute junge Erwachsene, fing ich im Internet an.
Nach kruden Dudendefinitionen. „Er half sich selbst“ (hihi) und „Sie haben in Selbsthilfe gebaut“ (bitte was), öffnete ich die obligatorische Enzyklopädie. Neben der organisierten Gruppenselbsthilfe im Bauwesen und einer ukrainischen Partei, die aktuell den dortigen Argrarminister stellt, traf ich bei Wikipedia auf den Begriff, der die Herzen überbezahlter Sat-1-Drehbuchautoren höher schlagen lässt.


DIE SELBSTHILFEGRUPPE


Ich versicherte mich noch einmal, dass es am 20. September 2018 weder um osteuropäische Politik noch ums Immobilienwesen gehen würde, wurde ein wenig bleich, als die Gewissheit kam und ging im Zweifel, ob unterhaltsame Kunst ohne billige Klischeereiterei wirklich bei jedem Thema möglich ist, ins Bett.


„Wird schon“, sagte meine innere moralische Instanz.

„So n Psychozeug.“, sprach mein kollektives Bewusstsein.

Dann schlief ich.


Nächster Tag. Ich frage drei erwachsene Menschen, was sie sich  unter dem gestern gefundenen Begriff vorstellen.


1: Joa, also, das ist für Leute mit nem Drogenproblem.

- Ich war keinen Schritt weiter.


2: In einem Stuhlkreis sitzen und sich bekennen müssen. Wer da nicht mitmacht, ist raus. Das ist nicht gut, Leute als erstes zu einer Demütigung zu zwingen.

- Ich war keinen Schritt weiter.


3.: Anonyme Alkoholiker sind das, oder?.
- Ich war keinen Schritt weiter.


Valeria, sag mal, was denkst Du über Selbsthilfegruppen?,  fragte ich meine hyperaktive Mitauszubildende.


„Selbsthilfegruppen gruppieren sich um sich selbst zu helfen“, sagt sie.
- Ich war keinen Schritt weiter.


Ich war keinen Schritt weiter und da mein Workshop „mit Enttäuschungen umgehen lernen“ letzten Juli ausgefallen war, rannte ich kurz schreiend im Kreis, bis meine moralische Instanz mich ins Leben zurückholte.


„Was hat es denn mit Dir zu tun“, fragte die Instanz“

„Ja nix“, antworte ich

„Du bist nicht chronisch krank?“
Was ich? Ne, bin ich nicht.
„Wirklich?“, fragt meine innere moralische Instanz.
Ich hab nichts richtiges, entgegne ich. Nichts wesentliches, also, nicht mehr....
Nicht mehr....


Ich kann wieder atmen, seit einigen Jahren.

Hab ihn vergessen, den Rettungswagen

Das rote Licht am rechten Finger.
Ich habe auch gelacht, über Selbsthilfewitze.

Über Stuhlkreis und Gespräche und die Sketche auf Privaten,

Man sieht im Prime-Time-Fernsehen:
„Hallo, ich bin der Torben und ich habe ein Problem“

Hallo Torben


„Selbsthilfegruppe“

War für mich stets ein peinlicher Begriff.

Weil als Teenager nichts half, als die Welt

Richtig und falsch

einzuteilen.


Und wer Hilfe braucht, ist schwach.

Denn wer Hilfe braucht von denen,

Die selbst nicht mehr ganz dicht sind

Wie ernst kann man den nehmen?

 

„Aber...“


Aber ja: Ich konnte nicht atmen vor einigen Jahren,

Nicht rennen und springen noch Träumen nachjagen.

Asthma bronchiale.

 


Und als jede Strecke zu lang war

Und jeder Baum zu hoch.

Als ein Stück Kindheit starb Im Schatten meiner Luftnot

Da wäre es vielleicht wirklich schön gewesen

Nicht allein zu sein im Sturm, meinesgleichen zu begegnen.

Zu wissen, dass ich nicht alleine bin im Erleben, dass die Luft einfach fehlt.


Und dieses rote Licht am Finger sandte 70% an den Bildschirm,

der dann piepte und Alarm schlug und es war so, wie im Nebel.

Vielleicht wäre es ja wirklich ganz schön gewesen

Das erzählen zu können: ich wäre fast nicht mehr am Leben.

Zu erzählen, von der Angst.


„Aber.... eine Atemwegserkrankung ist doch nicht das gleiche wie....“, spricht mein kollektives Bewusstsein und tippt sich an den Kopf.


Da platzt meiner inneren moralischen Instanz der Kragen:

„1962, Als Dieter Korp und Gert Hack die erste Ausgabe von „Jetzt helfe ich mir selbst“ heraus brachten, dachten sie sicherlich nicht daran, dass es verwerflicher ist, einen Schaden im Getriebe zu haben, als an der Beleuchtung.“ schrie es. Und hatte wahrscheinlich recht.


Die meisten Leute haben ein Problem

Und kein Problem haben ist meist

nur ein temporäres Glück,

das sich auch wieder dreht.


Vielleicht brauchen wir mal eine Selbsthilfegruppe

Für unkreative Sketchproduzenten

Für Teenager mit Vorurteilen

Und Leute, die noch immer denken,

Wer Hilfe braucht sei schwach.

Denn wer Hilfe gibt und nimmt,

Ist am ehesten doch jemand,

Mit dem was ziemlich stimmt.