Mare Nostrum

 

1100 Hände. In die Luft gestreckt, ertrinkend.

1100 Menschen, die an Mittelmeerwasser ersticken.

 

Eine humanitäre Katastrophe. Tausende sterben, Millionen“

Du mittendrin, Hunger, IS.

Schlimmer als sterben, Du willst nur weg.

Du weißt, dass es viele nicht schaffen.

Aber Schüsse in den Ohren und Angst im Nacken, treiben Dich weiter,

An die Landesgrenzen.

Du findest nen Schlepper, Dein Fußweg zu Ende.

 

Die nächsten zwei Wochen in LKWs sitzen. Mit 50 anderen, hungern und schwitzen.

Das wenige Essen ist fast verdorben.

Und gestern sind die ersten zwei Kinder gestorben.

Die Eltern der beiden schrien und bebten, bis zwei Männer kamen, die Leichen zu nehmen.

In den nächst gelegenen Graben zu werfen und die Ruhe

Wieder herzustellen.

 

Seitdem ist es leiser, als es je war.

Die Stille frisst Dich, Dein müder Arm wischt nur noch selten die Schweißperlen weg.

Zu müde, man schläft nur sehr schlecht in dem Dreck.

Eines morgens, es quietschen die Türen. Ein Sonnenschein, eine Meeresbrise.

Mit wackligen Beinen der erste Schritt.

Wer stürzt und nicht aufsteht, der bleibt auch zurück.

 

Also reiß Dich zusammen! Geh die verordneten Wege.

Am Abend schon sitzt Du auf einem Plastikbootmeter.

Von dem Kontinent, der Deine Heimat ist, legst Du ab und in Deinem

Kopf vermischt sich die Hoffnung auf Rettung und die Angst, zu ertrinken.

In Gedanken siehst Du Europa schon winken.

 

Wir müssen das schaffen“, sagt jemand und lacht,

Denn wisst ihr, die Römer haben damals gesagt: 'Mare Nostrum',

Dieses Meer gehört jedem.

Ihr werden es sehen, wenn wir am Festland anlegen.“

Du spürst, wie in Dir nochmal die Hoffnung erwacht,

Doch Dein Plastikbootmeter schwankt in der Nacht.

Weil die Wellen schlagen; und Du zitterst vor Furcht.

Im Auge des Sturmes, sagt man, ist es ruhig.

 

Und die Wellen schlagen, Dein Atem geht.

Ein. Aus. Ein. Aus. Etwas bewegt sich

Das Boot wird von der Seite getroffen, Frauen kreischen, ein paar hat's umgeworfen.

Sie zappeln im Meer jetzt, Du schließt Deine Augen,

Kannst das alles noch gar nicht glauben,

Da bricht über Dir das Wasser zusammen. Ein. Aus. Ein. Aus.

Der Sog reißt Dich von dem Boot hinunter, Du schnappst nach Luft. Vor Dir ein Kind

Es blutet am Kopf. Es sinkt hinab, ins tiefe Nichts. Nicht denken, schwimm' jetzt,

RETTE DICH!

 

Doch nirgendwo ist Hilfe zu sehen, nur zuckende Körper,

Die sich im Wasser bewegen.

Nur letzte Gebete in den Augen von Menschen,

Die kurz noch kämpfen, bevor sie ertrinken.

 

In Dir die blanke Verzweiflung,

Um Dich der Schrecken.

Du versuchst, Deine Hände zum Himmel zu strecken,

Als Du selbst von den Wellen erschlagen wirst.

Du denkst an Zuhause, bevor Du dann stirbst.

 

Die Fischer italienischer Küsten

Werfen aus und berichten

Von schwarzen Menschen, mit toten Augen,

Die sie manchmal beim Treiben erwischen.

 

Und man sagt, ihr Blut sei ebenfalls rot.

Und man sagt, es sei auch ihr Meer.

Doch Europa hat „Mare Nostrum“

Zum Massengrab verkehrt.

 

1100 Menschenleben, innerhalb weniger Tage.

Und man sagt, ihr Blut sei ebenfalls rot.

Und man sagt, da sei auch Würde für sie.

Und das Meer trägt sie weinend zu Grabe.

 


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