Wutbürgerhobby

 

Sexuelle Früherziehung“ sagt der Mann mir gegenüber und eine Vene an seiner Schläfe fängt an zu pulsieren.

Dat hat es doch früha nich jejeben“, sagt er, seine Frau schaut unsicher zu mir herüber.

Die Zeitung des Mannes liegt aufgeschlagen da.

Auf Seite sechs die Schlagzeile „Bildungsplan“.

Schwulunterricht, sagt er und irgendwas von Homolobby.

Ich höre nicht mehr zu, ich weigere mich zu seinem Hobby, dem Wutbürgerdasein, noch beizutragen.

Ich weiß, das geht weiter mit „Genderwahn“ und „Untergang des Abendlandes“.

Oft genug gehört, von alten Männern im Zug, die vom Zeitgeist verstört eine Pulsader sichtbar an der Schläfe bekommen.

 

Sie ähneln optisch ganz witzigerweise, jedem der Männer aus der Reihe

Der Altherrenriege im Fernsehen, die

Ganz unverblümt ihre Idiotie vom besseren Menschen raushängen lassen.

Alt, männlich, weiß, hetero

Was denn auch sonst?

 

Und in ihrer Mitte, an der Raute erkennbar, eine Frau, die weiß, wie unglaublich undenkbar

Fortschritt für manche ihrer Wähler ist

Und deshalb Thesen aufstellt, die es für sie selbst gar nicht gibt.

Von Kindeswohl und Biologie,

Und Norm und Tradition und nicht wissen, wie etwas sich auswirkt

Und wenn man sie fragt, spricht sie davon, dass das Bauchweh sie plagt.

 

Wenn ich ein schlechtes Bauchgefühl habe, und das über Jahre, dann frag ich mal nach.

Und wenn es Dinge gibt, die ich nicht verstehe, lass ich's mir erklären.

Von jemandem, der Ahnung hat.

 

Aber es geht nicht um Unwissen, und auch nicht um Angst

Homophobie ist Konstrukt, es geht um Arroganz.

Denn es ist einfach zu glauben, dass es die eine Wahrheit gibt.

Es ist so einfach zu glauben, dass die Welt funktioniert, wie man selbst funktioniert.

Wie man sich selbst definiert. Es ist schwer zu begreifen, dass sich pluralisiert

Eine Chance für eine Gesellschaft ergibt, die in die Zukunft sieht, wenn man selbst noch nicht blickt

Dass die Schublade, die man um sich selbst herum zimmert den Sprung ins eigene Leben verhindert.

 

Sich auf etwas zu berufen, was immer schon da war, weil es immer schon da war ist schon deshalb untragbar,

Weil es so ist, wie groß auf ein Flugblatt zu schreiben:

Von heute an, Leute, lasst das Nachdenken bleiben! Verschließt Euch in Formen, rudert zurück. Denn persönliches Glück ist nur persönliches Glück.

Ist nja ur persönliches Glück“

 

Es gibt keinen Genderwahn, es gibt auch keine Homolobby

Aber Angst vor der Zukunft bleibt Wubürgerhobby

Trotzdem: Bleibt am Ball! Bleibt schön und bleibt frei

Dann führt unser Geist den Wandel herbei.

 

Denn der Mann nimmt seine Zeitung, geht vergrämt aus dem Abteil.

Und lachend und jauchzend kommen zwei Kinder herein.

Und die Hände haltend kommen zwei Sekunden später

Ebenfalls lachend ihre zwei Väter.

 


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